Allgemeines Fazit:

Wenn tatsächliche eine Novellierung des Psychotherapeutengesetzes beabsichtigt ist, und nicht die Schaffung eines neuen Generalisten der Medizin, sind die Modelle A, B und C dem Modell D in jeder Hinsicht vorzuziehen, weil die Modelle A und B - aber auch C bei entsprechender Ausgestaltung -

  • keine finanziellen Risiken bezüglich der Neugestaltung von Studiengängen für die Länder bilden,
  • die außerordentlich bewährten rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen der Praktischen Ausbildung in einem Psychotherapieverfahren nicht antasten sowie
  • weiterhin eine Approbation nur nach einer soliden Ausbildung in einem Psychotherapieverfahren zulassen.

Vier Modelle wurden in den vergangenen Jahren als Lösungsvorschläge diskutiert, wobei sich Modell D grundsätzlich von allen anderen unterscheidet:

A. Der Vorschlag des Forschungsgutachtens und der meisten Ausbildungsinstitute, des Bundes der Psychologen, der Psychotherapeuten in Ausbildung und vieler Wissenschaftlicher Psychotherapieverbände:

Die sogenannte „ Kleine Lösung", bei der die bisherige postgraduale Ausbildung beibehalten, der Zugang zur Ausbildung den Gegebenheiten der Bologna-Reform angepasst und die Vergütung während der praktischen Tätigkeit geregelt wird. Dazu müssten inhaltlich geeignete Masterstudiengänge als Zugangsvoraussetzung lediglich verbindlich festgelegt und die Praktische Tätigkeit verändert werden.

B. Der ursprüngliche Eckpunktebeschluss des 16. Deutschen Psychotherapeutentages (18.05.2010):

Die reformierte postgraduale Ausbildung, die dem Modell A ähnlich ist, allerdings mit einem einheitlichen Zugang zur Ausbildung und einem einheitlichen Beruf des Psychotherapeuten (keine Differenzierung der Zugänge zwischen Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten). Wie in A und C ist die Ausbildung an den Ausbildungsinstituten verfahrensbezogen und auf einen Altersschwerpunkt bezogen und schließt mit Fachkundeerwerb und Approbation ab.

C. Ein Vorschlag des Juristen Dr. Gleininger (Berlin), dem die meisten Ausbildungsinstitute und Verbände ebenfalls zustimmen würden:

Die „Duale Direktausbildung", bei der ein Psychotherapiestudium vorgesehen ist, das zu einer ersten Staatsprüfung führt, nach der dann – wie jetzt auch - die postgraduale Ausbildung zum Psychotherapeuten an den Ausbildungsinstituten fortgesetzt wird. Am Ende der Ausbildung steht dann – wie bei A und B - die Approbation und die Fachkunde in einem oder mehreren Psychotherapieverfahren und einem oder zwei Altersschwerpunkten (Erwachsene und /oder Kinder und Jugendliche).

D. Das Ergebnis eines Beschlusses des 25. Psychotherapeutentages am 15.11.2014 , das den Vorschlag eines der Berufsverbände der Psychotherapeuten (DPTV) aufgreift:

Die „Basale Direktausbildung", bei der ein neu zu schaffender Studiengang Psychotherapie an einer Hochschule zur Approbation führt. Damit ist dann die berufsrechtliche Erlaubnis zur Berufsausübung erteilt. Um die sozialrechtliche Erlaubnis für eine Tätigkeit im Rahmen der GKV als zugelassener Vertragspsychotherapeut zu erwerben, kann anschließend eine Weiterbildung in einem oder mehreren Psychotherapieverfahren und einem oder zwei Altersschwerpunkten absolviert werden.

Allgemeine Bewertung der Modelle

Die Modelle A, B und C haben gemeinsam, dass die Approbation erst nach einer vertieften Ausbildung in einem wissenschaftlich anerkannten Psychotherapieverfahren erteilt wird. Das trägt dem Umstand Rechnung, dass der Psychotherapeut ein Spezialist ist, der ohne seine Kernkompetenz erworben zu haben, keine Berufserlaubnis bekommen darf. Damit ist garantiert, dass jeder approbierte Psychotherapeut auch tatsächlich ein wissenschaftlich anerkanntes Psychotherapieverfahren beherrscht. Der Charakter des zweiten postgradualen Bildungsabschnittes als Ausbildung lässt die bisherige bewährte Gesetzeslage und die bisherige Finanzierung der Praktischen Ausbildung unberührt.
Modell D, die Basale Direktausbildung – das derzeit vom BMG favorisierte Modell - schafft die bisherigen Zugangsvoraussetzungen in Form definierter Studienabschlüsse (Psychologie, Pädagogik, Sozialpädagogik) ab und konzipiert ein völlig neues Erststudium, das, da es mit einer Erlaubnis zur Ausübung eines Heilberufes abschließt, auch einen neuen Beruf schafft. Es gibt dann den Beruf des Approbierten Psychologischen Psychotherapeuten mit Kenntnissen und Fähigkeiten in verschiedenen Medizinbereichen, jedoch ohne vertiefte Ausbildung in Psychotherapie. Man könnte diesen neuen Beruf als „Allgemeinmediziner für das Psychische“ bezeichnen, der wie ein Arzt krankschreibt, Medikamente verschreibt, Überweisungen ausstellt, ins Krankenhaus einweist und mit dem Arzt um Leitungspositionen im Gesundheitswesen konkurriert. Dass dieses Studium auch als Zugang zu einer „Psychotherapeutischen Weiterbildung“ dienen kann, dürfte diesen Beruf zusätzlich attraktiv machen. Aber auch in diesem Falle würde der Betreffende kein ähnlich gut qualifizierter Psychologischer Psychotherapeut, wie er heute ausgebildet wird.
Diese Ausbildungsform ist als einziges Modell dadurch charakterisiert, dass am Ende eines Erststudiums, dass keine vertiefte Ausbildung in einem Psychotherapieverfahren enthält, bereits die Approbation – die berufsrechtliche Erlaubnis zur Berufsausübung - erteilt wird. D.h., es werden nach dem Erststudium approbierte „Psychotherapeuten“ in die Gesellschaft entlassen, die im Besitz der berufsrechtlichen Erlaubnis zur Ausübung des Berufes des Psychotherapeuten sind, aber kein wissenschaftliches Psychotherapieverfahren beherrschen.
Da die daran anschließende Weiterbildung in einem Psychotherapieverfahren, deren Absolvierung sozialrechtlich zur Teilnahme an der kassenärztlichen Versorgung führen würde, freiwillig ist, würde eine mehr oder weniger große Anzahl approbierter „Psychotherapeuten“ erzeugt, die kein wissenschaftliches Psychotherapieverfahren beherrschen, sich jedoch Psychotherapeuten nennen, auch eigenverantwortlich behandeln dürfen und in verschiedenen Gebieten der Medizin einsetzbar wären.
Über die diesem Modell innewohnenden Risiken hinsichtlich der weiteren Sicherstellung der Versorgung besteht insofern Einigkeit, dass diese Risiken vorhanden sind, von den Vertretern dieses Modells aber hingenommen werden.

Die Duale Direktausbildung (Modell C) als Gegenvorschlag zum BMG-Modell

Es wäre lediglich die Korrektur der falschen ordnungspolitischen Grundannahme notwendig, der zum Spezialisten auszubildende Psychotherapeut müsse formal identisch wie der zum Generalisten auszubildende Arzt ausgebildet werden. Wenn überhaupt, wäre der andere medizinische Spezialist – der Zahnarzt – der ordnungspolitisch analoge Vergleichsmaßstab. Mit gutem Grund bekommt dieser Spezialist die Approbation erst dann, wenn er die Kernkompetenz seines Berufes erworben hat und macht danach auch keine Weiterbildung mehr. Im Falle des Psychotherapeuten, der durchschnittlich ein bis anderthalbjährige Behandlungen unter Supervision, begleitet von Selbsterfahrung (außerhalb von dienstlichen Abhängigkeitsverhältnissen) zu seiner Ausbildung benötigt, wäre ein mindestens dreijähriger zweiter Studienabschnitt – die heutige vertiefte Ausbildung - erforderlich, um zur Kernkompetenz eines Psychotherapeuten zu gelangen.
Falls ein Psychotherapie-Direktstudium eingeführt werden sollte, dürfte es also keinesfalls mit der Approbation enden. Alle Probleme des Patientenschutzes, der Entstehung eines ordnungs- und versorgungspolitisch unsinnigen neuen „Miniarztes“ sowie die enormen Kosten einer fragwürdigen Weiterbildung wären dadurch vermeidbar, dass das Direktstudium nicht mit der Approbation, sondern mit einem 1. Staatsexamen und ein zweiter Ausbildungsabschnitt (der in Form von bewährten - bisher postgradualen - Studiengängen bereits existiert und genau das leistet, was die Weiterbildung leisten soll) mit 2. Staatsexamen und Approbation abschlösse (Duale Direktausbildung). Falls das Duale Direktstudium politisch nicht machbar erscheint, wäre es am sinnvollsten, ein Direktstudium bzw. die bisherigen Studiengänge mit Masterabschluss (und einem längeren Praktikum) als Zugangsvoraussetzung zur bestehenden postgradualen Ausbildung vorzuschreiben, wie es bereits der Psychotherapeutentag 2010 gewollt hatte.
In beiden Fällen wäre die Approbation tatsächlich mit der Kernkompetenz eines Psychotherapeuten verbunden, wie es das existierende Psychotherapeutengesetz realisiert und wie es auch das von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Forschungsgutachten im Sinn hatte.
Der durch das Psychotherapeutengesetz geschaffene bundeseinheitliche Qualitätsstandard des qua bundesrechtlicher Entscheidung spezialisierten Heilberufs bliebe erhalten und der Bund würde nicht auf die Setzung von Standards für den Erwerb der entscheidenden Verfahrensqualifikation verzichten, die den Psychotherapeuten ausmachen.